Warum ich mich so ungesund ernähre | ARFID / SED

Nach Definition der meisten Menschen bin ich wohl mäkelig, haklich, schleckig, krüsch, pingelig, schnäkig und was es sonst noch so an umgangssprachlichen Begrifflichkeiten so gibt.

Dass ich nicht einfach nur ein wählerisch verzogenes Gör bin, und die meisten Dinge schlicht nicht essen KANN interessiert die meisten überhaupt nicht, geschweige denn haben sie Verständnis dafür. Fast täglich bekomme ich den Spruch reingedrückt, ich solle es doch wenigstens probieren. Ich bin, was den Umgang mit Essen anbelangt, nicht einfach nur auf dem Stand eines 2 jährigen Kindes stehen geblieben, das ein Gericht dem anderen vorzieht und daher sich bockig weigert den Mund für das Gemüse zu öffnen, wenn ihm nach leckeren Keksen ist.

Allein der Gedanke an eine Aubergine oder an Pilzen lässt meinen Magen vor Angst erzittern. Alleine mir vorzustellen diese Lebensmittel in den Händen zu halten und reinzubeißen reicht aus, um mich völlig aus dem Konzept zu bringen. Mir schmeckt Gemüse nicht nur nicht, ich habe Angst davor. Angst vor dem Geruch, Angst vor dem Geschmack und Angst vor der Konsistenz. Wenn ich nur mit der Zungenspitze eines der vielen Lebensmitteln berühre bekomme ich einen unkontrollierbaren Würgreflex.

Erst kürzlich habe ich (endlich) die Bestätigung gefunden, dass das was mich plagt, nicht einfach nur ein kindisches bockiges gehabe, sondern eine wirklich echte Krankheit ist: ARFID – Avoidant/restrictive food intake disorder oder auch, SED – selective eating disorder genannt.

Leider scheint dieses Gebiet noch ziemlich unerforscht zu sein und selbst viele eingesessene Psychologen haben von dieser Krankheit noch nie gehört oder nehmen dieses Thema nicht ernst. Ich verlinke hier ein Video von FelixEcoPsych, der den Unterschied zwischen wählerisch sein und ARFID / SED haben, sehr gut erklärt.

Seitdem mein „Essverhalten“ nun einen Namen hat und ich weiß, was meine Aversion gegen Gemüse und viele andere Lebensmittel bedeutet, fällt es mir leichter mich selbst zu akzeptieren. Ich habe mich selbst immer für kindisch gehalten, konnte mich selbst nicht verstehen, warum mein Körper so reagiert wie er reagiert. Es ist kein schönes Gefühl, sich wie ein Kleinkind zu fühlen, unfähig sich normal wie ein erwachsener Mensch zu ernähren und Verantwortung für einen gesunden Lebensstil zu übernehmen. Wie gerne würde ich auf meine Ernährung umstellen und mehr gesunde Dinge essen, aber bis jetzt konnte ich das nicht.

Mein Körper würde es mir vermutlich auch danken. Die ungesunde Ernährung trägt sicherlich sehr viel dazu bei, dass ich mich mit 26 Jahren fühle, als stecke ich in dem Körper eines 70 Jährigen. Ich bin stets schlapp, ausgelaugt und IMMER müde. Seit ein paar Jahren befindet sich nun auch mein Magen nun im Dauerstreik. Ich habe 30 kg zugenommen und das spüre ich deutlich in all meinen Muskeln, Gelenken und Knochen. Ich habe mehr Tage voll von Kopfschmerzen und Migräne, als ohne. Meine psychischen Probleme wurden durch meine Ernährung sicherlich auch nicht gerade positiv beeinflusst.

Diese Lebensmittel Phobie ist vergleichbar mit einem Türsteher, der mich vor „bösen“ Lebensmittel schützen will und daher meinen Körper dazu bringt, diese nicht in mich hineinzulassen – und falls doch, den schnellst möglichen Ausgang *würg* suchen zu lassen. Obst und Gemüse ist bei fast allen Betroffenen auf der absoluten No-Go Liste. Nudeln, Brot und sonstige Kohlenhydrate sind dafür meistens eher die geladenen Gäste, wie auch bei mir.

Früher war ich aber noch um einiges schlimmer als jetzt. Ich machte meiner Mutter das kochen zu einer unmöglichen Aufgabe.  Sie musste regelmäßig Soßen absieben, damit ich etwas essen konnte, denn hätte ich in meinem Essen ein Stück Zwiebel, Knoblauch oder Paprika gefunden, wäre es mit der Mahlzeit vorbei gewesen. Außer ab und an mal einen Apfel habe ich auch keinerlei Obst gegessen. Käse war anfangs auch nur auf einer Pizza möglich. Inzwischen koche ich fast schon täglich mit Käse (jaaaa ich weiß – das ist wohl einer der Gründe für die 30 kg Zunahme), aber kann dennoch nicht ohne einen gewißen Ekel in eine Scheibe Käse beißen. Käse muss bei mir immer in irgend einer weiße verarbeitet sein (geschmolzen o.ä).

Ich glaube das größte Problem habe ich mit der Konsistenz. Äpfel beispielsweise konnte ich problemlos essen, solange sie roh sind. Wurde der Apfel jedoch erwärmt in einem Apfelkuchen oder ähnlichem, kam der mir so verhasste Würgereiz zum Vorschein, sobald ich mir nur vorstellte auf das weiche matschige Apfelstück zu beißen.

Bei und mit Freunden zu essen oder gar essen gehen ist für mich jedes mal eine Herausforderung. Außer wir gehen italienisch Essen, denn dort gibt es immer Pizza oder Pasta mit nur „sicheren“ Zutaten. Jedes mal aufs neue werde ich darauf angesprochen, wenn sich das Gemüse an meinem Tellerrand stapelt. Mir ist es sooo unangenehm über dieses Thema zu reden, da mich eh nie jemand ernst nimmt und sich die Leute dann auch noch oft lustig über mich machen.

Oft höre ich auch, dass man es nur richtig zubereiten müsse und es dann ganz bestimmt schmecken würde. Teilweise stimmt die Aussage, teilweise aber auch nicht. Denn Gewürze können da gar nichts ausrichten…ein bisschen Salz hier, ein bisschen Pfeffer da…und auf einmal schmeckt das gut, was mich eben noch zum kotzen gebracht hat. Ha-Ha-Ha

Andererseits, verbrutzle ich Zucchini bis zur Unkenntlichkeit und mische sie dann mit Nudeln und Soße unter, sodass sie als solche kaum noch zu erkennen ist, DANN schaffe ich es, das Gericht zu essen. Aber das funktioniert leider nicht bei allen Lebensmitteln – und ganz ekelbefreit bin ich bei dieser Aktion auch nicht. Genuss is(s)t anders!

Da ich nun weiß, dass mein Essverhalten etwas mit Phobien zu tun hat und man Phobien im Ansatz behandeln kann, bin ich voller Hoffnung nun doch irgendwann meine Ernährung etwas ausgewogener gestalten zu können. Bisher dachte ich immer, ich wäre halt einfach so, da kann ich aktiv nichts dran ändern. Ich werde mich nach Therapeuten umschauen im Fachgebiet kognitive Verhaltenstherapie, die Erfahrung mit Phobien haben. Ich habe gelesen, dass Hypnose recht gut bei ARFID funktionieren soll.

Ich werde euch, sofern es euch interessiert, auf dem Laufendem halten.

Euer Gemüseaversionist (mal noch eben schnell ein Wort erfunden)
Jürgen

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4 Kommentare

  1. Hey Jürgen,

    ich habe deinen Bericht über „ARFID“ gelesen und muss sagen, ich habe mich direkt SOFORT in den ersten Zeilen wiedererkannt. Die vielen Parallelen und Übereinstimmigkeiten, die ich in deinen Erzählungen rauslese sind erschreckend identisch zu meinen. Bei vielem, was du geschrieben hast, musste ich lachen, weil es mir in sehr vielen Momenten genauso geht wie dir. Ich habe das Problem mit dem Essen seit ich denken kann – dabei würde ich unglaublich gern mal entspannt essen gehen und neue Sachen ausprobieren können, aber es geht einfach nicht. Hast du schon Methoden versucht? Ich würde mich gern mal mit dir austauschen und mal mit dir schreiben.

    Beste Grüße, Chris

    1. Hallo Chris,

      wie soll ich sagen … einerseits freut es mich, dass du dich so gut mit mir identifizieren kannst und mir damit das Gefühl gibst etwas weniger ‚abnormal‘ zu sein und doch etwas zu haben, was doch gar nicht so wenige andere Menschen haben, es aber bisher nie öffentlich diskutiert wurde – andererseits tut es mir natürlich Leid, dass es dir eben so geht wie mir.

      Ich merke es nunmal bereits jetzt, dass es körperlich mit mir rapide Bergab geht, in meinen doch noch recht jungen Jahren und kann mir einfach nicht vorstellen, wie das erst in 30-40 Jahren aussehen soll, wenn sich meine Ernährung nicht drastisch ändert.

      Das Thema Essen gehen ist bei mir leider das gleiche Thema. Besonders schlimm für mich sind aber Familienfeste. Jedes mal aufs Neue wird mir die Gemüseschüssel angeboten und jedes einzelne Mal kommt Unverständnis und Nachfragen auf mich zurück, wenn ich dankend ablehne…

      Methoden….ja das ist ein gutes Thema. Ich habe meine Ernährung in letzter Zeit wieder etwas aus den Augen verloren und nicht proaktiv versucht mir neue Lebensmittel zu erschließen (war auch ’ne stressige Zeit aktuell). Was ich bisher probiert hatte, war eben zB. Zwiebeln oder Zucchini bis zur Unkenntlichkeit tot zu braten, oder mixen und unter die Soße zu mischen. Habe leider nicht das Gefühl, dass das mir die Lebensmittel dauerhaft wirklich näher bringt.

      Für Austauschen von Tipps, Erfahrungen und einfach Sonstiges bin ich auch gerne zu haben und fände es spannend – in meinem direkten Umfeld habe ich ja niemanden mit ähnlichem Problem.

      Du (und eventuell andere die dies hier lesen und das Bedürfnis haben mir direkt zu schreiben)kannst mich ja mal auf Facebook adden – mein Name dort ist: Jürgen Lamb

      Ich schau mal ob ich mein Profil in „Über mich“ oder so verlinken kann, falls du mich nicht finden solltest.

      Liebe Grüße,
      Jürgen

  2. Hallo Jürgen,

    ich habe von deiner ARFID / SED gelesen und es ist so schön zu hören, dass ich nicht die einzige bin der es so geht. Wirklich alles stimmt überein.

    Konntest du inzwischen eine Therapie finden ? Hat Sie denn geholfen?
    Es wäre schön etwas positives von dir darüber zu hören.

    Liebe Grüße
    Deborah

    1. Hallo Deborah,

      das Gefühl kenne ich absolut. So ging es mir auch, als ich erfuhr, dass auch andere Menschen so ‚komisch‘ sind wie ich! 🙂

      Zu deiner Therapie-Frage: Ja und Nein…
      Ja ich habe inzwischen eine Therapie gefunden. Da ich aber neben ARFID auch andere psychische Probleme habe, und meine mangelnde Stressresistenz und depressive Neigung wieder zu akut wurden, war es mir wichtig einfach überhaupt einen Therapieplatz zu finden.

      Überhaupt einen Therapeuten zu finden ist ja schon wahnsinnig schwierig, da hatte ich sozusagen nicht die Zeit, viele Erstgespräche wahrzunehmen um herauszufinden, ob dem Therapeuten ARFID ein Begriff ist und er damit auch was anfangen kann in der Therapie.

      Aber ich werde definitiv dran bleiben bei dem Thema! Aktuell ist mein Plan Geld zu sparen um bei Felix Economakis in London einen Termin wahrnehmen zu können.

      Ebenfalls liebe Grüße,
      Jürgen

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