Ein beschissener Tag

Ich lege mich ins Bett. Es ist Mittwoch Abend, 10 Uhr. Mein Herz pocht, ich spüre jeden Herzschlag im ganzen Körper, meine Brust zittert, meine Lippe pulsiert. Mir ist schwindelig und schlecht. Ich liege da und warte auf Ingrid, die gerade einen Livestream schaut, wie sie mir später sagen wird. Über eine halbe Stunde nachdem sie „gleich“ zu mir sagte, kommt sie dann endlich ins Bett. Eigentlich will ich direkt schlafen, aber ich bin viel zu wach und aufgeregt jetzt zu schlafen. Wir reden noch ein bisschen über YouTube, ASMR, die Nebenjobs auf die Ingrid sich beworben hat und unsere finanzielle Situation. Innerlich denke ich mir „jetzt sei doch mal still und lass uns schlafen“, andererseits bin ich aber auch froh um die willkommene Ablenkung.

Es ist inzwischen nach 11 und ich zähle die Stunden, die mir an Schlaf noch bleiben. Wenn ich JETZT schlafe, bleibt mit noch genug schlaf. Ha-ha! Hab ich schon einmal erwähnt, dass ich unter Druck so gar nicht funktioniere? Wenn nichts ansteht könnte ich den ganzen Tag ohne Probleme schlafen, mich Abends ins Bett legen und trotzdem nach 10-20 Minuten eingeschlafen sein. Jetzt, wo ich es muss, kann ich es natürlich nicht. Ich drehe mich nervös hin und her. Ich schwitze, mein Herz pocht wie wild, ich habe einen Klos im Hals. Ingrid leidet mit mir.

Etwa eine Stunde versuchen wir zu schlafen, während ich mich alle 5 Minuten rastlos hin und her werfe. Irgendwann verliert Ingrid die Geduld und schlägt vor, dass wir uns ein bisschen zu unterhalten, wenn ich doch eh nicht schlafen kann. Also unterhalten wir uns. Nach unserem Gespräch lasse ich auf YouTube eine geführte Einschlafmeditation von MojoDi laufen. Normalerweise dauert es keine 5 Minuten bis mich ihre Stimme in den Tiefschlaf flüstert. Jetzt allerdings lasse ich das Video, das über eine halbe Stunde dauert, bereits zum zweiten Mal komplett durchlaufen.

Ich liege immernoch mit pochendem Herz im Bett und drehe mich nervös hin und her. Ich schwitze und muss aufs Klo. Es ist bereits 2 Uhr. Als ich von der Toilette ins Schlafzimmer zurück kehre, wurde Ingrid bereits vom Sandmann erlöst. Im Halbschlaf, verwirrt vom Badezimmerlicht, das in unser Schlafzimmer hineinscheint, murmelt sie ein paar unverständliche Worte. Keine 2 Minuten später ist sie wieder in im Reich der Träume.

Um halb 4 schaue ich das letzte Mal auf die Uhr und rechne die Stunden aus…

Etwa 4 Stunden könnte ich jetzt noch schlafen. Da ich aber nach wie vor hellwach bin, überlege ich ernsthaft, ob es sinnvoll wäre die Nacht nicht lieber durchzumachen. Ich bin der Meinung, dass ich nach weniger als 3 Stunden Schlaf am Morgen lädierter bin, als wenn ich gar nicht schlafen würde. Während ich so darüber nachdenke, aufzustehen und wach zu bleiben, schlafe ich ein.

„PIEP PIEP PIEP BRRRR BRRRR BRRR PIEP PIEP PIEP BRRRR BRRRR“

Ich

hasse

unsere

Nachbarn!

Irgendein Arschloch in unserer Nachbarschaft hat einen unerträglichen Wecker, der morgens teilweise vor 6 Uhr morgens klingelt und vibriert. Der Wecker muss irgendwie an der Wand befestigt sein, denn das Vibrieren ist viel lauter und unangenehmer als das Piepen. Wäre alles gar kein Problem, wenn der entsprechende Besitzer den Wecker ausmachen würde und aufsteht. Ich habe aber die Vermutung, dass der Besitzer beim ersten Klingeln den Wecker nur auf Snooze stellt und direkt das Haus verlässt. Denn nach kurzer Zeit legt der Wecker immer wieder los und hört stundenlang einfach gar nicht mehr auf. Das ist Ruhestörung, du blöder Wichser!!!

Um wieviel Uhr es losging und wie lange der scheiß Wecker bereits klingelt, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass der Wecker mich unendlich nervt und ich dem Besitzer die Todesstrafe wünsche.

Gefühlte 5 Minuten später (sind vermutlich aber eher 2 Stunden) klingelt mein Wecker.Ich stehe auf, wäre jetzt gerade aber lieber tot. Meine Augen sind verquollen und tun weh, mein ganzer Körper ist steif und löst sich nur sehr schwer vom Bett. Nur mein Herz, das klopft als gäbe es kein Morgen mehr – gar als würde ich heute sterben, aber das Herz will die 60 Jahre Herzschläge, die es verpassen würde, bereits heute ausführen wollen.

Das nennt man soweit ich weiß Akkordarbeit: Man hat eine gewisse Stückzahl (Herzschläge) die gefertigt werden müssen bevor man Feierabend machen kann. Das scheint sich mein Herz zumindest zu denken…

Ich kann es kaum fassen, dass man derart aufgeregt und trotzdem so müde sein kann. Ich dachte immer Adrenalin würde wach machen? Mein Körper muss sich wohl einen neuen Adrenalin Dealer suchen, denn das Zeug, das mir mein Körper gerade verabreicht ist echt mieser Stoff.

Ich quäle mich also aus dem Bett um mich fertig zu machen. Dabei fällt mir auf, dass fast 10 cm Schnee liegt. Es muss die ganze Nacht geschneit haben. Natürlich heute, wie hätte es auch anders sein können. Ich liebe Schnee, nur nicht heute! Die letzten Tage war es warm, gar schon fast frühlingshaft, wer hätte ahnen können, dass es ausgerechnet heute Nacht so sehr schneit. Ich stapfe mit meinen kaputten und undichten Schuhen durch den Schneematsch. Nach nicht einmal 10 Minuten sind meine Socken komplett durchnässt und meine Füße taub. Könnte nicht besser laufen.

Ich steige mit Daniel in das Auto ein und fahre los. Ich kann die ganzen Linien auf den Straßen nicht erkennen vor lauter Schneematsch. Ich muss abschätzen wo ich mich hinstellen darf um links abzubiegen. Ich bin noch nie bei Schnee Auto gefahren. Auf einem großen Parkplatz halten wir an. Wir begrüßen einen Mann, der mir zuerst ein paar Fragen stellt und sich dann zu uns ins Auto setzt. Wir fahren los und er navigiert mich. Auf einer breit ausgebauten geraden Straße überholt mich ein Auto mit Vollgas, obwohl ich bereits Höchstgeschwindigkeit fahre. Auf einmal höre ich den Satz der mein Herz in die Hose rutschen lässt: „Die nächste bitte einmal rechts, wir fahren zurück“. Ich würde am liebsten ins Lenkrad beißen, schreien…irgendwas. Was ist gerade nur passiert? Tja…die breit ausgebaute Straße ist allem Anschein entgegen keine Vorfahrtsstraße, jede noch so kleine Abzweigung die von rechts kommt hat mir gegenüber also Vorfahrt. Keiner kann mir erklären warum die Straße keine Vorfahrtsstraße ist. Vermutlich wurde sie einfach so beschildert um den Fahrprüfern eine besonders knifflige Strecke zur Auswahl stellen zu können.

Als mich das Auto auf dieser Straße überholte, machte ich den entscheidenden Fehler, verwundert nach links zu dem Auto zu schauen, statt nach rechts, wo sich in diesem Augenblick eine kleine Abbiegung befand, die natürlich Vorfahrt hat! Der Prüfer entschuldigt sich bei mit und versucht mich damit zu trösten, dass es wohl einfach nur an meiner Nervosität und an dem Arschloch lag (seine Wortwahl, nicht meine), der mich im entscheidenden Moment überholt und verwirrt hat.Tja nützt mir leider nur nichts, durchgefallen bin ich trotzdem.

Daniel fährt mich nach Hause, wo ich mich wütend, enttäuscht und traurig aufs Sofa werfe. Ingrid geht kurze Zeit später los, da sie einen Termin hat und lässt mich mit meinen Gefühlen alleine. Ich weiß es ist nicht so schlimm, es ist doch „nur“ Geld. Trotzdem pocht mir noch immer mein Herz im Hals, als hätte ich meine Fahrprüfung noch vor mir. Ich greife zur der Tüte Süßigkeit, die ich mir als „Trosti“ bereit gelegt hatte, damit ich wenigstens etwas habe, worauf ich mich freuen kann, falls ich durchfalle. Gefreut habe ich mich auf das Naschen aber trotzdem nicht.

Wie zum trotz schiebe ich mir eine ganze Handvoll davon in den Mund. Ich hasse mich und ich hasse mich noch mehr, als ich feststelle, dass nach der zweiten Handvoll die Packung bereits leer ist. In nicht einmal 2 Minuten habe ich 125g, fast puren Zucker, in mich hinein gestopft. Ich traue mich nicht auf die Rückseite der Packung zu schauen, um zu errechnen wie viele Kalorien ich soeben zu mir genommen habe. Und ich fürchte Ingrids böse Blicke, wenn sie diese Worte lesen wird (sie hat es bereits gelesen und musste total lachen – später war sie dann aber doch noch einmal kurz empört) und herausfindet, was ich getan habe. Als würde ich mich nicht schon selbst deswegen schlecht fühlen…

Mir ist schlecht (wer hätte das gedacht…) und ich muss mich übergeben. Naja, wenigstens bin ich dadurch wieder ein paar Kalorien los. Keine Sorge, ich bin nicht Bulimie gefährdet! Dazu hasse ich es viel zu sehr mich zu übergeben.

Ingrid will, dass ich zu ihr in die Stadt fahre, in ein Café und anschließend zum Trost Pizza essen. Während ich im Café diese Worte schreibe, ist mir immernoch schlecht und mein Herz pocht noch immer wie wild….aber ich freue mich auf die Pizza nachher.

Und die Moral von der Geschicht, den Führerschein macht man in Hamburg lieber nicht.

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2 Kommentare

  1. Der letzte Satz 😂👌
    Tut mir immer noch sehr leid für dich! Das klingt echt nach einem beschissenen Tag 😿 nächstes Mal schaffst du es aber ganz bestimmt und bist gegen alle Idiotenfahrer gewappnet🙏❤

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