Der Geruch von Erinnerungen

Ich atme ein, ich atme aus. Es ist bereits hell, das kann ich trotz geschlossener Augen erkennen. Das beruhigende Plätschern des Bachs hinter dem Haus dringt durch das geöffnete Dachfenster in meine Ohren. Die Luft schmeckt nach kaltem Rauch und schlechtem Kaffee. Der Geruch weckt schöne Erinnerungen, obwohl beides für mich keine sehr angenehmen Gerüche sind. Meine Erinnerungen sind sehr stark an Gerüche gekoppelt. Rieche ich Labello, muss ich direkt an die schönen Skiurlaube in meiner Kindheit denken. Das gleiche mit einem bestimmten Deo (der schwarze Bac Stift), nach dem mein Vater immer roch, wenn wir des Nachts aufstanden, um bei wenig Verkehr in den Urlaub zu fahren.

So verbinde ich nunmal den eigentlich unangenehmen Geruch mit dir und der schönen Zeit, die ich immer bei dir habe. Unter den stickigen Geruch von Kaffee und Zigaretten mischt sich auch der liebliche Geruch von Frühling, sowie die typisch schwere aber dezente Note alter Holzbalken von Fachwerk Häusern. Draußen zwitschern Vögel unbeschwert im Takt zum Plätschern der Rohrach.

„SCHEISSE MAAAAAAN!!!“, klingt es aus dem Nachbarzimmer. Aha, du bist also schon wach – oder viel wahrscheinlicher – noch immer wach. Du sitzt am PC und spielst CS:GO. Ich grinse, denn ich freue mich, dass du endlich mal was anderes spielst als Quake. Vielleicht gewinne ich ja jetzt einmal gegen dich. Ich bin zwar nicht schlecht in Quake, aber gegen dich habe ich absolut keine Chance. Ich setze mich an meinen Laptop und steige in das Spiel ein und stelle schnell fest….auch hier habe ich keine Chance gegen dich. Na toll, in LoL würde ich dich definitiv fertig machen, das willst du aber partout nicht spielen. Ein Gedanke schießt mir durch den Kopf, ich kann ihn nicht richtig fassen und nur das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, bleibt hängen. „Du solltest doch gar nicht hier sein?!“ – platzt es aus mir heraus. Er schaut mich an, grinst kurz und ist sofort wieder auf das Spiel konzentriert.

Ein paar Stunden später klingelt es an der Tür, es ist der alte Mann, dessen Zähne man an einer Hand abzählen kann. Auch die werden ihm nicht mehr allzu lange erhalten bleiben, so wie die bereits vor sich hin gammeln. Wir bekommen Hunger, also bestellen wir Pizza bei unserem Lieblings-Lieferservice.

Wir spielen Binokel während wir auf das Essen warten. Auch hier habe ich einfach keine Chance, der Alte macht in seiner Freizeit scheinbar nichts anderes als Binokel zu spielen – so gut spielt er zumindest. Nach vier Runden habe ich einfach keine Lust mehr dauernd zu verlieren, also hören wir auf. Im TV läuft „X-Faktor – das Unfassbare“ und es kommt zum 100. mal die Folge mit der Nanny, deren Augen im dunkeln rot leuchten. Wir warten bereits seit über 3 Stunden auf unsere Bestellung, doch es fühlt sich überhaupt nicht absurd an, so lange schon auf das Essen warten zu müssen. Der Hunger und die wohlklingende Stimme des Synchronsprechers von Jonathan Frakes machen mich schläfrig. Mir fallen die Augen zu.

Es klingelt an der Tür. „Endlich ist die Pizza da“ denke ich mir und öffne voller Vorfreude die Augen. Ich liege im Bett und bin völlig verschwitzt. Es riecht nicht mehr nach Kaffe, Rauch, Frühling und Holz. Ich rieche nur meinen eigenen Schweiß. Kein Bachplätschern, kein X-Faktor und keine Pizza. Mein Herz klopft und mir wird schlecht während die Erinnerungen langsam wieder an die Oberfläche treten. Ich habe dich schon lange nicht mehr gesehen und trotzdem fühlte es sich so natürlich und vertraut an. Ich suche auf meinem Handy das Bild meines letzten Besuchs bei dir, in der Hoffnung es nicht finden zu können.

 

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3 Kommentare

  1. Ich kommentiere generell eher selten auf Blogs, aber ich wollte mal schreiben, dass ich deinen (und auch Ingrids) super gerne lese und regelmäßig schaue, ob es was neues von euch gibt – ich hoffe ihr bleibt dran.

    1. Hallo du!
      Wenn du wüsstest was für ein schönes Gefühl dein Kommentar in mir auslöst…
      Danke dafür 🙂

      In letzter Zeit hatten wir recht viel Stress und ich hatte auch gesundheitlich so meine Wehwehchen, – werde aber demnächst wieder ein paar Zeilen schreiben. Motiviert bin ich zumindest wieder, erst Recht durch deinen lieben Kommentar!

      Bis hoffentlich demnächst 🙂

      1. Das freut mich, man denkt ja oft gar nicht darüber nach, dass es für den „Schreiber“ wichtig ist, dass er Feedback bekommt und nutzt Blogs wie Zeitungen zur eigenen Bereicherung.

        Ich hoffe es geht dir inzwischen besser und keinen zusätzlichen Stress wegen dem Blog – deine Leser laufen dir nicht weg, wir sind geduldig 🙂

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